Gedenkzeichen "12. Februar 1934"

Rathauspark

Errichtet von der ITH

Internationale Tagung der Historikerinnen der Arbeiter- und anderer sozialen Bewegungen


Geschichte

Vom 12. bis 15. Februar 1934 fanden in Teilen Österreichs bewaffnete Auseinandersetzungen statt, die als Februarkämpfe 1934 in die Geschichte eingegangen sind. Viele Kämpferinnen und Kämpfer für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit mussten dabei ihr Leben lassen.

"Der Februaraufstand 1934 war ein letzter, verzweifelter Versuch, die mühsam erkämpften Errungenschaften der parlamentarischen Demokratie, das freie, gleiche Wahlrecht, die Unabhängigkeit und die Trennung der Gewalten in Legislative, Exekutive und Judikative zu retten. Im Europa der Zwischenkriegszeit gab es nur zwei Versuche, nämlich in Österreich 1934 und in Spanien 1936, diese Errungenschaften der Demokratie mit der Waffe in der Hand gegen eine faschistische Machtübernahme zu verteidigen." (Mag. Dr. Gerhard Baumgartner, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes)

Eröffnung

Am 26. April 2017 wurde im Rathauspark das Gedenkzeichen “12. Februar 1934” feierlich enthüllt.

Werner Baumüller von der Werkstatt Kollerschlag hat die künstlerische Gestaltung des Gedenkzeichens umgesetzt.

Vor Ort waren Mitglieder der Wiener Stadtregierung, des Wiener Stadtparlaments, des österreichischen Nationalrates sowie Mandatarinnen und Mandatare aus den Bezirken.

Viele Proponenten haben mitgewirkt, dass das Gedenkzeichen Februar 1934 entstehen konnte. Das Büro Mailath-Pokorny, Vertreter des Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, so auch der wissenschaftliche Leiter Mag. Dr. Baumgartner, haben sich stark eingebracht. Dem 2013 verstorbenen Bundesvorsitzenden des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen Ernst Nedwed war die Schaffung eines Gedenkzeichens jahrzehntelang ein Anliegen. Ebenso trifft dies auf dessen Nachfolger Johannes Schwantner zu, der als Bundesvorsitzender die Nachfolge von Ernst Nedwed antrat.

Die Inschrift des Gedenkzeichens im Wortlaut

"12. Februar 1934
Als Erste in Europa traten in Österreich Arbeiterinnen und Arbeiter am 12. Februar 1934 mutig dem Faschismus entgegen. Sie kämpften für Freiheit, Demokratie und Republik.
Am 4. März 1933 schaltete die Regierung Dollfuß das Parlament aus und regierte auf der Grundlage eines Gesetzes aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Das bedeutete: Einschränkung der Presse- und Versammlungsfreiheit, Streikverbot, die Wiedereinführung der Todesstrafe und anderes.
Von 12. bis 15. Februar 1934 standen zwischen 10.000 und 20.000 Arbeiter einer Übermacht von annähernd 60.000 Mann aus Gendarmerie und Polizei, Bundesheer und Heimwehren gegenüber. Die Kämpfe beschränkten sich im Wesentlichen auf die Arbeiterbezirke Wiens sowie die oberösterreichischen und steirischen Industriezentren. Nachdem ein landesweiter Generalstreik ausgeblieben war und Artillerie sowie Minenwerfer gegen Gemeindebauten eingesetzt worden waren, brach der Aufstand zusammen. Im Zuge der Kämpfe kamen insgesamt mehr als 350 Menschen ums Leben. Neun Kämpfer des Republikanischen Schutzbunds wurden standrechtlich hingerichtet.
Am 1. Mai 1934 proklamierte die Regierung eine neue autoritäre Verfassung ohne parlamentarische Demokratie, pluralistische Parteien und freie Gewerkschaften.
Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht - Niemals vergessen!"

Als Initiatioren des Projekts seitens des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen fungierten Ernst Nedwed und Johannes Schwantner.

Ansprache von Gerald Netzl

Gerald Netzl, der Vorsitzende des Landesverbandes Wien des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen weist bei seiner Ansprache auf die Gedenktafeln zu den Februarkämpfen 1934 hin, die sich weit verstreut in Wien befinden: Im Reumannhof in Margareten, in der Köglergasse in Favoriten, im George Washington Hof, wo auf die Anwesenheit von Otto Bauer im Hauptquartier hingewiesen wird, in Simmering, in Ottakring am Platz des ehemaligen Arbeiterheims in der Greinergasse, im Karl Marx Hof in Döbling, in Floridsdorf am Schlingerhof, in der Donaustadt am Goethehof und auch in Liesing.

Zudem kommt er auf die kleine Anzahl von Denkmälern zu sprechen, die den Februarkämpfern gewidmet sind: Das Bekannteste wohl am Zentralfriedhof, zudem eines am Meidlinger Friedhof, eines in Hietzing am Goldmarkplatz zur Erinnerung an den Widerstandskämpfer Karl Münichreiter, der als Februarkämpfer am 14. Februar 1934 hingerichtet wurde sowie jenes in Floridsdorf in der Pragerstraße zur Erinnerung an den Widerstandskämpfer Georg Weissel, hingerichtet am 15. Februar 1934.

Die Freiheitskämpfer haben sich viele Jahrzehnte dafür eingesetzt, auch im Zentrum ein Gedenkzeichen für den Februar 1934 zu schaffen. Die Bezirksparteien in Meidling und Hietzing haben an den Landesparteitagen 2007 und 2013 Anträge gestellt, die schließlich angenommen worden sind, wodurch es möglich wurde, das Projekt einer Gedenktafel im Zentrum in Rathausnähe umzusetzen.

Für Gerald Netzl soll das Gedenkzeichen Erinnerung an den 12. Februar 1934 wach halten und gleichermaßen der Information dienen. Viele Menschen wissen nicht, was sich am besagten Tag und auch im Vorfeld und danach ereignet hat.

Die Auswahl des Schlingerhofes als Motiv für das Gedenkzeichen hat besondere Bedeutung. Floridsdorf war der in ganz Österreich am heftigsten umkämpfte Teil bzw. Bezirk. Von den 350 Todesopfern in Österreich kamen 76 in Floridsdorf ums Leben.

Ansprache vom wissenschaftlichen Leiter des DÖW, Gerhard Baumgartner

Mag. Dr. Gerhard Baumgartner, seines Zeichens wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, spricht auch in seiner Funktion als Vizepräsident des Vereins Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen. Dieser Verein (kurz ITH) gilt als offizieller Errichter des Denkmals.

Er beschäftigt sich in seiner Rede konkret mit den Hintergründen des Februaraufstandes und weist auch auf den zweiten großen Aufstand der Zwischenkriegszeit, den spanischen Bürgerkrieg, der 1936 seinen Ausgang nahm, hin. In beiden Aufständen sei es darum gegangen, die Errungenschaften der Demokratie mit der Waffe in der Hand gegen eine faschistische Machtübernahme zu verteidigen.

Gerhard Baumgartner erinnert – angesichts des aktuellen Zeitgeschehens, wo antidemokratische Bewegungen und Politiker wieder versuchen, autokratische Systeme zu etablieren und die Kontrollinstanzen der parlamentarischen Demokratie zu beschneiden - daran, dass eine Demokratie immer verteidigt werden muss. All jenen Frauen und Männern, die sich mit ihrem Leben dafür eingesetzt haben, gilt dieses Mahnmal. Ihr Opfer sei uns Vermächtnis.

Schibboleth, von Paul Celan

Mag. Dr. Gerhard Baumgartner trägt ein Gedicht von Paul Celan vor, das den Ereignissen in den Jahren 1934 in Österreich und in Spanien 1936 gewidmet ist.

Schibboleth, von Paul Celan

Mitsamt meinen Steinen,
den großgeweinten
hinter den Gittern,
schleiften sie mich
in die Mitte des Marktes,
dorthin,
wo die Fahne sich aufrollt, der ich
keinerlei Eid schwor.

Flöte,
Doppelflöte der Nacht:
denke der dunklen
Zwillingsröte
in Wien und Madrid.

Setz deine Fahne auf Halbmast,
Erinnerung.
Auf Halbmast
für heute und immer.

Herz:

gib dich auch hier zu erkennen,
hier, in der Mitte des Marktes.
Ruf's, das Schibboleth, hinaus
in die Fremde der Heimat:
Februar. No pasaran.

Einhorn:

du weißt um die Steine,
du weißt um die Wasser,
komm,
ich führ dich hinweg
zu den Stimmen
von Estremadura.

Ansprache von Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny

Mag. Dr. Mailath-Pokorny, amtsführender Stadtrat für Kultur, Wissenschaft und Sport in Wien, nahm die Enthüllung des Gedenkzeichens vor und sprach zuvor noch zwei Überlegungen aus:

Er weist darauf hin, dass es in der Peripherie schon zahlreiche Gedenktafeln bzw. Gedenkzeichen gibt, worauf ja auch schon Gerald Netzl zu sprechen kam, und es sich um einen sozusagen umgekehrten Prozess handle, nunmehr verstärkt Gedenkmale an zentralen Orten zu errichten. Die Stadt habe grundsätzlich versucht, diese zentrale Verortung in letzter Zeit voranzutreiben. Dies habe begonnen mit dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, dem Holocaust-Mahnmal am Judenplatz und dem Mahnmal für die Opfer der NS-Justiz.

Der Standort des Gedenkzeichens im Rathauspark, also gelegen zwischen Burgtheater, Universität und Rathaus, ist der richtige Ort, nochmals und in aller Deutlichkeit daran zu erinnern, dass Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, Solidarität und der menschliche Umgang miteinander nie eine Selbstverständlichkeit und ein für allemal erkämpft worden seien, sondern immer wieder aufs Neue erkämpft werden müssen.

Persönliche Worte von Gerald Netzl

Der Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen sieht sich laut Gerald Netzl als Nachfolgeorganisation der Februarkämpfer. Somit war es ein Wunsch der Freiheitskämpfer, dass schon bald nach dem zweiten Weltkrieg an einem zentralen Ort ein Erinnerungszeichen gesetzt wird. Es wurden hernach viele Erinnerungsorte in der Peripherie geschaffen. Nunmehr sind die Freiheitskämpfer sehr froh darüber, dass mit großer Unterstützung des Stadtrats Mailath-Pokorny und in guter Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes dieses Gedenkzeichen am 26. April 2017 enthüllt wurde.

Zur Gestaltung des Denkmals

Mag. Ing. Martin Huber, Architekt, äußerte sich über die Gestaltung des Denkmals:

Das Thema Februaraufstand 1934 wurde mit einer überdimensionalen Stele aufgegriffen, die 2,50 Meter hoch 1,50 Meter breit und 15 Zentimeter tief ist. Der künstlerische Aspekt ist im Sinne von “Bilderwelten” zu verstehen. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes stellte ein Foto des Schlingerhofes in Floridsdorf zur Verfügung, wo im Hintergrund zerstörte Häuser und auf den gepflasterten Böden getötete Menschen zu sehen sind. Menschen kehren ihnen den Rücken und gehen einfach weg.
Das Thema des Rückens ist im Sinne des Gedenkzeichens ein zentrales Motiv, das dafür steht, sich nicht vor der Geschichte abzuwenden.

Festakt in Bildern

Teilnehmende am Festakt

Publikationen

Michaela Maier: Abgesang der Demokratie. Der 12. Februar 1934 und der Weg in den Faschismus
VGA-Publikation

Weblinks und Quellen